Nach seinem Tod

Eine erste Würdigung Gisbert Flüggens findet man bereits kurz nach seinem Tod in den "Neuesten Nachrichten aus dem Gebiete der Politik". In der Ausgabe vom 11. September 1859, also wenige Tage nach seinem Tod, schreibt das Blatt: "Wieder ist München um einen seiner größten Künstler ärmer geworden, Gisbert Flüggen ist nicht mehr. Wohl der Kunst, dass der biblische Spruch: "Ihre Werke folgen ihnen nach" auf die Künstler und ihre Kunstwerke keine strikte Anwendung findet. Und so werden auch Flüggen's Werke bis in die tiefsten Fernen der Zeit den kunstsinnigen Beschauer in Bewunderung und Nachdenken versenken. Flüggen's Bilder sind Bücher von tiefster ethischer Bedeutung, in welchen wir ganze Lebensgeschichten, mit aller Kunst dramatischer Wahrheit und Wirkung dargestellt, herauslesen. Eine seiner letzten großartigen Compositionen ließ ihn leider der ihn übereilende Tod nicht vollenden; dennoch ist sie weit genug vorangeschritten, um ihren ganzen Werth und ihre innere Bedeutung erkennen zu können. Sie stellt das Vorzimmer eines Großen mit einer Menge von Supplikanten in den verschiedenartigsten Charakteren dar, welche hier näher anzugeben der Raum nicht gestattet. Es ist in diesem Bilder wieder ein ganzer Roman mit figurenreichster Scenerie und wirkungsvollster Dramatik vor uns aufgeschlagen. Dasselbe ist von morgen angefangen in der k. Akademie der bildenden Künste (Eingang beim Löwen, rechts zu ebener Erde) zum Besten der minderjährigen Kinder Flüggen's ausgestellt und wird ihm schon dieserhalb ein zahlreicher Besuch nicht fehlen. Zu gleicher Zeit sind auch etwa ein Dutzend ausgezeichneter photographischer Nachbildungenen von Flüggens's bedeutendsten Bildern aus des Hofphotographen Albert Atelier hervorgegangen, ausgestellt; man kann auf dieselben in Lieferung zu 4 Blättern subscribiren."

In dem mehrbändigen Werk "Die Künstler aller Zeiten und Völker" bezeichnet Friedrich Müller den Maler 1860 als einen "der ausgezeichnetsten deutschen Genremaler".

Wenig später widmet sich Carl Albert Regnet in den "Münchener Künstlerbildern" Anton Seitz und schreibt 1871 in diesem Zusammenhang über Gisbert Flüggen: "In München angekommen, gelang es ihm bald, sich daselbst zu orientieren um bei Gisbert Flüggen als Schüler aufgenommen zu werden. Die Wahl des Meisters konnte kaum eine bessere sein. Flüggen, der sich den Namen des deutschen Wilkie verdiente, liebte es, namentlich solche Scenen aus dem häuslichen und gesellschaftlichen Leben zu wählen, in denen es sich um eine bedeutsame psychologische Aufgabe handelte. Mit der glücklichen Wahl seiner Stoffe verband er eine sehr geschickte und taktvolle Anordnung der Gruppen, die sich gefällig und klar von einander ablösen und welcher eine treffliche Charakterbezeichnung und Individualität zur Seite steht. Mit diesen Vorzügen Flüggen’s hält die technische Behandlung gleichen Schritt. Die Durchbildung des Ganzen ist überall gleichmäßig, frei, breit und leicht, die Stimmung fast immer gelungen und die Farbenwirkung harmonisch. Unter der Leitung dieses trefflichen Meisters verfolgte nun Anton Seitz die schwere Bahn der Kunst und verlor auch den Muth nicht, als er in den ersten Jahren sich gestehen mußte, daß das Können hinter dem Wollen zurückblieb."

Eine Einordnung Gisbert Flüggens in die Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts nimmt mehr oder weniger das illustrierte Unterhaltungsblatt „Über Land und Meer vor, indem es 1874 heißt: „Einer der ausgezeichnetsten Darsteller jener charakteristischen sozialen Genrebilder, wie Hogarth oder Wilkie sie zu ihrer Zeit malten, war der am 3. September 1959 zu früh für die Kunst verstorbene Maler Gisbert Flüggen, der in seinen durch Lithographie und Kupferstich so zahlreich vervielfältigten Gemälden, z. B. dem unterbrochenen Ehevertrag, der Weinprobe, der Testaments-Eröffnung, der Auspfändung, den Erbschleichern u. s. w. ein Reihe der lebenswahrsten, tiefst empfundenen und künstlerisch vollendetsten Darstellung aus dem modernen Familien- und öffentlichen Leben geliefert hat, wie sie vor ihm noch selten von einem deutschen Künstler gemalt worden waren; ja man kann sagen: er hat die Genremalerei geadelt durch die Wahl seiner Stoffe und hat sie durch die Art von deren Aufführung auf das Niveau der Historienmalerei erhoben."

In dem "Leitfaden der Kunstgeschichte" für höhere Lehranstalten und den Selbstunterricht aus dem Jahre 1878 gehört für Wilhelm Buchner Gisbert Flüggen zu den Künstlern, die "als vorzügliche Sittenmaler der Münchner Schule" zu nennen sind.

1888 schreibt Hermann Becker in dem Werk "Deutsche Maler": "Gisbert Flüggen, leider in seiner Blüthe im Jahre 1860 gestorben, ist ein unter den Genremalern mit Recht berühmtes, lang bewährtes Mitglied der Münchener Schule. Unter den Genremalern welche novellistische Stoffe behandeln, ist er einer der frühesten Anbahner dieser Richtung in der neueren deutsche Kunst und hat viele Nachfolger gefunden ... In seinen Werken zeigt sich durchweg ein consequenter Fortschritt in der Ausbildung des Technischen, und die neuesten darunter sind mit grosser Freiheit und Leichtigkeit behandelt."

In "Meyers Konversations-Lexikon" aus dem Jahre 1897 heißt es zu Gisbert Flüggen: "Seine Bilder sind ausgezeichnet durch technische Vollendung, glückliche Gruppierung und lebensvollen Ausdruck. In der Wahl der Stoffe erinnert er an Hogarth und Wilkie, er liebte gleich diesen die Schilderung der Kontraste und Konflikte des sozialen Lebens."

Das 1916 erschienene und von Ulrich Thieme und Felix Becker herausgegebene "Allgemeine Lexikon der bildenden Künstler" führt Gisbert Flüggen als Genremaler, der "vorzugsweise Szenen aus dem ländlichen u. gesellschaftlichen Leben" darstelle, "dramatische Rührstücke, die ihm den Namen eines 'Iffland unter den Malern' zuzogen."